Neue Recherchehilfe: Journalismus zwischen Landwirtschaft und Naturschutz [29.09.26]
Kontaktmakler, Themendossiers und fachlicher Austausch: Kostenlose neutrale Angebote der Uni Hohenheim unterstützen Medienschaffende
Konflikte differenziert recherchieren, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und belastbare Lösungsansätze finden: Ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt der Universität Hohenheim in Stuttgart will den Journalismus im Spannungsfeld von Landwirtschaft und Umweltschutz stärken. Beide Bereiche sind eng miteinander verbunden – in der öffentlichen Debatte werden ihre Interessen jedoch häufig als Gegensätze dargestellt. Um einen konstruktiven Dialog zu fördern, vernetzt die Plattform „Dazwischen“ Journalist:innen untereinander sowie mit Wissenschaft und Praxis. Dabei legt sie besonderen Wert auf Neutralität. Interessierte können sich unter www.dazwischen.media registrieren.
Maßnahmen des Natur- und Umweltschutzes können aus gesellschaftlicher Perspektive sinnvoll sein. Von landwirtschaftlichen Betrieben werden sie jedoch oft als Einschränkung ihrer unternehmerischen Handlungsspielräume oder als existenzielle Belastung wahrgenommen. Unterschiedliche Erfahrungen, Interessen und Zielsetzungen prägen den öffentlichen Diskurs und führen nicht selten zu verhärteten Fronten.
Eine biodiversitätsfreundlichere und zugleich zukunftsfähige Landwirtschaft braucht jedoch mehr als die Auseinandersetzung über unterschiedliche Positionen. Sie braucht Wissen übereinander, Verständnis füreinander und einen Dialog, in dem auch Gemeinsamkeiten und mögliche Lösungen sichtbar werden. Journalist:innen stehen dabei vor der Herausforderung, komplexe Zusammenhänge einzuordnen, kontroverse Positionen abzubilden und verlässliche Informationen sowie kompetente Gesprächspartner:innen zu finden.
Konflikte verstehen, Lösungen sichtbar machen
Das Forschungsprojekt „Dazwischen“ setzt bei der Frage an, wie Journalismus in einem polarisierten Themenfeld zu einer differenzierten und faktenbasierten Debatte beitragen kann. „Konflikte zu benennen und einzuordnen, ist eine zentrale journalistische Aufgabe. Und insbesondere bei komplexen Konflikten, wie zwischen Landwirtschaft und Naturschutz muss er genau hinschauen: Wo liegen tatsächliche Konflikte, wo Scheinwidersprüche und wo funktionieren Lösungen bereits?“, sagt Projektleiter Leon Lorek.
„Dazwischen“ möchte einen Journalismus unterstützen, der kritisch recherchiert, Interessen transparent macht und Konflikte verständlich erklärt – und zugleich zeigt, wo Lösungen entstehen und was sich daraus lernen lässt. Ziel ist es, Handlungsmöglichkeiten sichtbar zu machen, ohne Konflikte zu verharmlosen oder künstliche Harmonie zu schaffen.
Zwei Angebote für die journalistische Recherche
Gemeinsam mit Journalist:innen aus dem Agrar- und Umweltjournalismus entwickelten die Forschenden unter der Leitung von Leon Lorek, Prof. Dr. Wolfgang Schweiger und Prof. Dr. Andrea Knierim wissenschaftlich fundierte Angebote, die Journalist:innen und Publizist:innen in ihrer Arbeit unterstützen.
Marktanalysen, Leitfadeninterviews und Workshops mit Medienschaffenden zeigten, welche Weiterbildungs-, Informations- und Vernetzungsangebote im journalistischen Alltag besonders benötigt werden. Daraus entstanden zwei miteinander verknüpfte Angebote: ein Kontaktmakler für die gezielte Suche nach Expert:innen sowie eine Community aus Medienschaffenden für den fachlichen Austausch.
„Dazwischen“-Community: Austausch mit Kolleg:innen
Einen geschützten Raum für den fachlichen Austausch bietet journalistisch arbeitenden Menschen aus den Bereichen Landwirtschaft und Umweltschutz die „Dazwischen“-Community. Geplant sind regelmäßige digitale Treffen sowie ein Forum für Fragen, Recherchehinweise, Studien, Medienbeiträge und Themenideen.
Die Community versteht sich ausdrücklich nicht als weiterer Marktplatz für vorbereitete Verbands- oder PR-Botschaften. Im Mittelpunkt stehen deshalb Fragen aus dem journalistischen Alltag: Welche Konflikte werden häufig verkürzt dargestellt? Welche Studien sind relevant? Welche Betriebe, Projekte oder Wissenschaftler:innen könnten für eine Recherche interessant sein?
Themendossiers als Recherche-Unterstützung
Monatlich werden von Mitgliedern der Community Themendossiers erarbeitet. Dabei handelt es sich nicht um fertige Publikumsartikel. Vielmehr ordnen die Dossiers Themen ein, zeigen Konfliktlinien und Lösungsansätze auf und verweisen auf interessante Projekte, Akteur:innen und weiterführende Kontakte. So eröffnen sie konkrete Recherchepfade: Wo wird etwas ausprobiert? Was funktioniert? Wo scheitern Ansätze? Und was lässt sich daraus lernen?
Bisher sind bereits Dossiers zu Bodenschutz, Paludikultur, Agroforst sowie extensiver Beweidung entstanden. Weitere können von den Community-Mitgliedern selbst erarbeitet werden. Darüber hinaus ist ein gemeinsamer journalistischer Sammelband geplant, der das Themenfeld aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.
Kontaktmakler: Schnell passende Expert:innen finden
Der öffentlich zugängliche Kontaktmakler erleichtert Medienschaffenden den Zugang zu wissenschaftlicher Expertise. Die in der Datenbank hinterlegten Profile von Forschenden enthalten unter anderem Arbeitsschwerpunkte, Regionen, ausgewählte Publikationen oder Projekte sowie Kontaktdaten.
Neben etablierten Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen finden sich dort auch Menschen an den Schnittstellen von Forschung und Praxis, wie beispielsweise Projektleiter:innen, Berater:innen oder Koordinator:innen von Modellregionen. Expert:innen, die in der öffentlichen Berichterstattung bislang seltener zu Wort kommen, sollen so leichter gefunden werden.
Netzwerk statt weiterer Debattenplattform
Die Angebote sind miteinander verknüpft: Aus der Community können Themen für Dossiers entstehen, die Dossiers machen Expert:innen und Projekte sichtbar, und über den Kontaktmakler können daraus neue Recherchen und Gespräche entstehen. So soll langfristig ein Netzwerk entstehen, das journalistische Arbeit unterstützt und den Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Medien stärkt.
Einladung an Medienschaffende, sich zu registrieren
Die Plattform richtet sich an Journalist:innen sowie journalistisch arbeitende Kommunikator:innen, die zu Landwirtschaft, Umwelt, Ernährung, Klima, Biodiversität oder ländlichen Räumen arbeiten oder künftig zu diesen Themen recherchieren möchten.
„Dazwischen“ ist unter http://dazwischen.media erreichbar. Die Registrierung für die Community ist unter http://dazwischen.media/register möglich. Die Anmeldungen werden vom Projektteam geprüft und freigeschaltet. Der Kontaktmakler ist ohne Registrierung frei durchsuchbar.
HINTERGRUND: Projekt „Dazwischen – Journalismus im Konfliktfeld Landwirtschaft und Naturschutz“
Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Dazwischen" wurde 2024 an der Universität Hohenheim gestartet und baut auf dem vorangegangenen Projekt „Ackerkom" auf, in dem der Diskurs zwischen Landwirtschaft und Naturschutz sowie die Ursachen für den anhaltenden Konflikt untersucht wurden. Der Ausgangspunkt für „Dazwischen" war die Beobachtung, dass Journalist:innen für eine lösungsorientierte Bearbeitung dieses Konfliktfelds mehr Ressourcen benötigen.
Die kostenlosen Angebote wurden in mehreren empirischen Schritten und gemeinsam mit Journalist:innen entwickelt. Das Projekt wird von Leon Lorek, Prof. Dr. Wolfgang Schweiger und Prof. Dr. Andrea Knierim an der Universität Hohenheim geleitet und vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) gefördert.
Weitere Informationen und Registrierung:
www.dazwischen.media
Text: Stuhlemmer
Kontakt für Medien:
Leon Lorek, Universität Hohenheim, Projektleiter „Dazwischen“, Fachgebiet Kommunikationswissenschaft, insbesondere interaktive Medien- und Onlinekommunikation,
+49 (0)711 459 24473, leon.lorek@uni-hohenheim.de
Prof. Dr. Wolfgang Schweiger, Universität Hohenheim, Fachgebiet Kommunikationswissenschaft, insbesondere interaktive Medien- und Onlinekommunikation,
+49 (0)711 459 24471, wolfgang.schweiger@uni-hohenheim.de
Prof. Dr. Andrea Knierim, Universität Hohenheim, Fachgebiet Kommunikation und Beratung in ländlichen Räumen,
+49 (0)711 459 22646, andrea.knierim@uni-hohenheim.de

